TRAUNER Leseprobe

Führen und Entwickeln – hilfreiche Haltungen und Werkzeuge 195 5.4.1 Willkommen in der Welt der Gefühle Alle Menschen kennen sie, alle Menschen haben sie: gelebte und verdrängte, überspielte und übertriebene, angemessene und unangemessene Gefühle. Unweigerlich drängen sich dazu einige Fragen auf: Ist diese Unterscheidung wirklich so einfach? Ist sie überhaupt zutreffend und wahr? Gibt es dabei vielleicht einen Denkfehler? Vernachlässigt man so etwa die Kraft aller menschlichen Gefühle? In einer Welt, die Verstand und Rationalität hochhält und die Unberechenbarkeit von Gefühlen als Bedrohung für die Stabilität von Systemen einschätzt, haben Gefühle eine schlechte Presse. Vielleicht ist das ein Grund, warum es bislang kein Unterrichtsfach wie „Gefühlskunde“ gibt. Das Ergebnis: Manche Menschen tun sich schwer, Gefühle zu zeigen, zu benennen oder offen darüber zu sprechen. Man könnte auch sagen: Aufgrund mangelhafter „Einschulung“ im Umgang mit den vier besonders relevanten Gefühlen – Wut, Trauer, Angst und Freude – hat sich je nach Familiensystem eine bestimmte Grundhaltung herausgebildet. So gilt Freude oft als willkommen, während Wut abgelehnt, Trauer versteckt und Angst gefürchtet wird. Es gibt Gefühle, die wir fürchten, vermeiden, verachten, die uns fremd sind, und solche, die uns vertraut sind, die wir schätzen und lieben, mit denen wir uns sicher fühlen. Es gibt laute und leise, unsichere und vertraute, kalte und warme Emotionen. In diesem Spannungsfeld entsteht auch das Gefühl der Scham. Gefühle sind die Basis für alle Beziehungen: für jene mit sich selbst, also dem „Ich“, für jene zu einem konkreten „Du“ innerhalb von Freundschaft, Partnerschaft oder der Familie und für jene innerhalb einer Organisation, eines Teams oder einer Gruppe, also zu einem „Wir“. Wer sich darin zurechtfindet, hält ein überaus hilfreiches Werkzeug für den Alltag in Händen. Es ist eine sinnvolle, lebensbereichernde und manchmal auch beängstigende Kompetenz im Umgang mit Veränderungen (siehe auch Kapitel 5.3: Führen zwischen Pflicht und Lust, S. 175).

RkJQdWJsaXNoZXIy NjMwNzc=